Schätzung und Prognose des Umfangs der Wohnungsnotfälle 2009-2010
Keine Wohnungslosenstatistik in Deutschland – nur Schätzung möglich
In Deutschland gibt es keine bundeseinheitliche Wohnungsnotfall-Berichterstattung auf gesetzlicher Grundlage. Die BAG Wohnungslosenhilfe e. V. fordert die Bundesregierung auf, umgehend einen entsprechenden Gesetzesentwurf ins Parlament einzubringen.
Deshalb können aufgrund der schlechten Datenlage nur Schätzungen der Zahl der wohnungslosen und der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen vorgelegt werden.
Kern des BAG W-Schätzmodells ist die Beobachtung der Veränderungen des Wohnungs- und Arbeitsmarktes, der Zuwanderung, der Sozialhilfebedürftigkeit sowie regionaler Wohnungslosenstatistiken und eigener Blitzumfragen. Die Schätzung der BAG differenziert zwischen wohnungslosen Personen in Mehrpersonenhaushalten (Familien, Alleinerziehende, Paare), alleinstehenden Wohnungslosen (Einpersonenhaushalte) und wohnungslosen Aussiedlern in Übergangsunterkünften.
Begriffsklärungen
Wohnungsnotfall:
Eine Person ist ein Wohnungsnotfall, wenn sie
- wohnungslos oder
- von Wohnungslosigkeit bedroht ist oder
- in unzumutbaren Wohnverhältnissen lebt
Wohnungslos ist, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt. Aktuell von Wohnungslosigkeit betroffen sind danach Personen,
im ordnungsrechtlichen Sektor
- die aufgrund ordnungsrechtlicher Maßnahmen ohne Mietvertrag, d. h. lediglich mit Nutzungsverträgen in Wohnraum eingewiesen oder in Notunterkünften untergebracht werden
im sozialhilferechtlichen Sektor
- die ohne Mietvertrag untergebracht sind, wobei die Kosten nach Sozialgesetzbuch XII und/oder SGB II übernommen werden
- die sich in Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern aufhalten, weil keine Wohnung zur Verfügung steht
- die als Selbstzahler in Billigpensionen leben
- die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend unterkommen
- die ohne jegliche Unterkunft sind, "Platte machen"
im Zuwanderersektor
- Aussiedler, die noch keinen Mietwohnraum finden können und in Aussiedlerunterkünften untergebracht sind
Anerkannte Asylbewerber in Notunterkünften zählen im Sinne der Definition zwar zu den Wohnungsnotfällen, werden aber bei den Wohnungslosenzahlen im engeren Sinne nicht berücksichtigt.
Von Wohnungslosigkeit bedroht ist
- wem der Verlust der derzeitigen Wohnung unmittelbar bevorsteht wegen Kündigung des Vermieters/der Vermieterin, einer Räumungsklage (auch mit nicht vollstrecktem Räumungstitel) oder einer Zwangsräumung
- wem der Verlust der derzeitigen Wohnung aus sonstigen zwingenden Gründen unmittelbar bevorsteht (z. B. aufgrund von eskalierten sozialen Konflikten, Gewalt geprägten Lebensumständen oder wegen Abbruch des Hauses)
Ausmaß der Wohnungslosigkeit zwischen 2008 und 2010 dramatisch gestiegen
2010 betrug die Zahl dieser Wohnungsnotfälle insgesamt ca. 354.000 (2008: 330.000). Davon gehörten ca. 248.000 (2008: 227.000) zu den Wohnungslosen und ca. 106.000 (2008: 103.000) zu den von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen.
Die Gesamtzahl der in Deutschland wohnungslos gewordenen Menschen ist von 2008 auf 2010 erstmalig seit längerer Rückläufigkeit wieder deutlich um 10 % gestiegen (2008: 227.000; 2009: 237.000; 2010: 248.000).
Die Wohnungslosigkeit alleinstehender Menschen (2008: 132.000; 2009: 145.000; 2010: 152.000) stieg mit + 15% deutlich dramatischer als die Wohnungslosigkeit der Mehrpersonenhaushalte (+3%) an. Von den ca. 246.000 wohnungslosen Menschen (ohne wohnungslose Aussiedler) im Jahr 2010 leben ca. 38 % in Mehrpersonenhaushalten (Paare und Familien), 62 % sind alleinstehend.
Ca. 22.000 Menschen lebten 2010 ohne jede Unterkunft auf der Straße (2008: ca. 20.000), eine Steigerung um 10 %!
Im Osten Deutschlands schätzt die BAG W die Zahl der Wohnungslosen für 2010 auf ca. 30.000, im Westen auf ca. 216.000 Menschen. Die Zahl der wohnungslosen Aussiedler, die nach Zuwanderung wohnungslos blieben, hat sich aufgrund des drastischen Rückgangs der Zahl der Aussiedler zwischen 2000 und 2010 auf ca. 2.000 Menschen (2010) verringert.
Bezogen auf die Gesamtgruppe der im Jahr 2010 Wohnungslosen (246.000) schätzt die BAG W den Frauenanteil unter den Wohnungslosen (ohne Aussiedler) auf insgesamt 26 %, das sind ca. 64.000 Frauen, die Zahl der Kinder und Jugendlichen auf ca. 10% (25.000 Personen) und die Zahl der Männer auf ca. 64% (157.000 Personen).
Der Frauenanteil unter den ca. 152.000 Einpersonenhaushalten oder sog. alleinstehenden Wohnungslosen liegt nach unserer Schätzung bei ca. 26 % (40.000).
Die Dienste der Wohnungslosenhilfe betreuten 2010 ca. 100.000 -110.000 Menschen aus diesem Bereich.
Ausmaß der von Wohnungslosigkeit Bedrohten 2010 gestiegen
Nach unserer Schätzung hat zwischen 2008 und 2010 die Zahl der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen von ca. 103.000 Menschen auf ca. 106.000 Menschen (3,3%) zugenommen.
Beunruhigend ist, dass trotz zum Teil rückläufiger Räumungsklagen, die Zahl der Kündigungen und Zwangsräumungen in den Jahren 2009 und 2010 gestiegen ist. Daraus ist zu schließen, dass die Bemühungen der Kommunen um Prävention angesichts des steigenden Bedrohungspotenzials nicht ausreichen und bezahlbarer Wohnraum nicht ausreichend zur Verfügung steht. Und genau deshalb steigen ja auch die Zahlen der aktuell von Wohnungslosigkeit Betroffenen drastisch an.
Regional ungleiche Trends: Ursachen und weitere Entwicklung
Der erneute und zugleich dramatische Wiederanstieg der Wohnungslosenzahlen nach einer zehnjährigen rückläufiger Entwicklung bei den Menschen ohne Wohnung ist auf eine ganze Reihe gesellschaftlicher Veränderungen zurückzuführen:
Drei Faktoren sind im Wesentlichen maßgeblich für den Wiederanstieg:
- Das Anziehen der Mietpreise ins. in den Ballungsgebieten bei gleichzeitiger Zunahme der Verarmung der unteren Einkommensgruppen in Verbindung mit dem geschrumpften sozialen Wohnungsbestand, dem nicht durch Wohnungspolitik gegengesteuert wurde. Im Gegenteil: Der Bund kürzt die Mittel für die Städtebauförderung erneut in 2012, das Programm „Soziale Stadt“ steht faktisch vor dem Aus; Kommunen und Länder verkaufen ihre eigenen Wohnungsbaubestände an private Investoren.
- Die Verarmung steht in engem Zusammenhang mit der Dauerkrise am Arbeitsmarkt, die nicht zu einem Absenken der Zahl der Langzeitarbeitslosen geführt hat. Zugleich ist der Niedriglohnsektor aufgrund eines fehlenden Mindestlohns extrem angewachsen.
- Sozialpolitische Fehlentscheidungen bei Hartz IV: Sanktionierung auch bei den Kosten der Unterkunft bei jungen Erwachsenen (U25), unzureichende Anhebung des Regelsatzes, Pauschalierung der Kosten für Unterkunft und Heizung (Stichwort: Satzungsermächtigung), Zurückfahren der Arbeitsförderungsmaßnahmen
Der Wiederanstieg wäre noch dramatischer ausgefallen, hätten nicht in den letzten zehn Jahren die freigemeinnützige Wohnungslosenhilfe und die Kommunen ihre Anstrengungen bei der Überwindung und Prävention von Wohnungslosigkeit aufrechterhalten und weiter ausbaut.
Auch wenn die Zahlen in der Mehrzahl der Kommunen in Deutschland steigen, so gibt es doch auch Kommunen, in denen die Zahlen fallen. Und während die Zahlen in einigen Kommunen deutlich stärker als im Durchschnitt steigen, liegen andere deutlich unter dem Durchschnitt. Hierin spiegeln sich die unterschiedlichen Ausmaße des Ausbaus der Prävention und der Wohnungsnotfallhilfen und unterschiedliche Wohnungsmarktentwicklungen in Deutschland wider.
Prognose bis 2015:
Warnung vor weiterem dramatischen Anstieg um 10 - 15 % auf bis zu 270.000 - 280.000 wohnungslose Menschen
Angesichts der wirtschafts- und finanzpolitischen sowie der sozialpolitischen Rahmenbedingungen werden sich die beschriebenen Trends weit über 2011 hinaus fortsetzen, so dass mit einer Fortsetzung des Anstiegs der Wohnungsnotfälle der Jahre 2009 und 2010 zu rechnen ist. Deshalb prognostiziert die BAG W einen Anstieg der Wohnungslosenzahlen um 10 - 15% auf 270.000 – 280.000 bis zum Jahr 2015.
Nur mit einer sozial- und arbeitsmarktpolitischen Wende – vergleichbar mit der energiepolitischen Wende – könnten diese sich abzeichnenden Entwicklungen zumindest noch abgemildert, wenn auch nicht mehr aufgehalten werden.
Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V., Bielefeld, den 09. 11. 2011
|